Einleitung

Die Kultur der frühgeschichtlichen Germanen ist nur fragmentarisch überliefert. Schriftliche Eigenzeugnisse fehlen bis in das frühe Mittelalter nahezu vollständig, sodass die Rekonstruktion geistiger und künstlerischer Ausdrucksformen vor allem auf archäologischen Befunden, späteren literarischen Traditionen sowie auf antiken Fremdberichten beruht. Tanz und Poesie nehmen innerhalb dieser Rekonstruktionsversuche eine besondere Stellung ein, da sie zu den performativen Künsten zählen, die stark situationsgebunden waren und sich kaum materiell niederschlugen. Dennoch lassen sich anhand sprachlicher Indizien, kultischer Kontexte und vergleichender Mythologie Aussagen über Bedeutung, Funktion und Ausprägung von Tanz und Poesie bei den Germanen bis etwa 500 u. Z. treffen. Ich wähle die Jahreszahl 500, da die meisten Forscher einig darüber sind, dass ab da die zweite Lautverschiebung begann, die das Germanische vom Deutschen, namentlich Althochdeutsch, trennt.

Der vorliegende Aufsatz untersucht Tanz und Poesie nicht als voneinander isolierte Phänomene, sondern als eng miteinander verflochtene Ausdrucksformen. Beide dienten der rituellen Kommunikation, der sozialen Kohäsion sowie der Tradierung von Wissen, Mythos und Recht. Ziel ist es, ihre Rolle innerhalb der germanischen Gesellschaften der römischen Kaiserzeit und der Völkerwanderungszeit herauszuarbeiten und sie in ihren religiösen, sozialen und politischen Kontexten zu verorten.

Quellenlage und methodische Probleme

Die wichtigste Herausforderung bei der Erforschung germanischer Tanz- und Dichttraditionen ist die indirekte Quellenlage. Antike Autoren wie Tacitus, Caesar oder später Ammianus Marcellinus liefern zwar wertvolle Hinweise, betrachten die Germanen jedoch aus einer römischen Perspektive, die von ethnographischen Topoi und politischen Interessen geprägt ist. Archäologische Funde – etwa Waffenopfer, Kultplätze oder Bilddarstellungen – erlauben Rückschlüsse auf rituelle Praktiken, bleiben jedoch in ihrer Deutung unsicher.

Hinzu kommen sprachliche Zeugnisse, insbesondere rekonstruierte Begriffe aus dem Urgermanischen sowie später überlieferte altnordische, altenglische und althochdeutsche Texte. Obwohl diese Quellen zeitlich teilweise deutlich nach 500 u. Z. entstanden, enthalten sie tradierte Motive und Strukturen, die auf ältere, vorchristliche Vorstellungen zurückgeführt werden können. Die Methode der vergleichenden Mythologie und der historischen Sprachwissenschaft ermöglicht es, solche Kontinuitäten vorsichtig herauszuarbeiten.

Tanz in der germanischen Kultur
Tanz als rituelle Praxis

Tanz bei den Germanen war in erster Linie eine kollektive, rituelle Handlung. Er ist weniger als ästhetische Darbietung im modernen Sinne zu verstehen, sondern als körperlich-performativer Akt mit religiöser und sozialer Bedeutung. Antike Berichte erwähnen bewaffnete Tänze, die im Zusammenhang mit Krieg, Initiation und Männlichkeitsritualen standen. Der rhythmische Gleichschritt, das Schlagen von Waffen und der Gesang bildeten eine Einheit, die sowohl die Gemeinschaft stärkte als auch die Gunst der Götter herbeiführen sollte.

Solche Tänze lassen sich als liminale Handlungen deuten: Sie markierten Übergänge, etwa vom Frieden zum Krieg oder vom Knaben zum Krieger. Der Körper wurde zum Medium der Kommunikation mit dem Göttlichen, wobei Rhythmus und Wiederholung eine tranceähnliche Intensität erzeugen konnten.

Germanen tanzen

Kriegstänze einzelner germanischer Gruppen

Antike Quellen lassen erkennen, dass Kriegstänze kein einheitliches Phänomen aller germanischen Gruppen waren, sondern regional unterschiedlich ausgeprägt auftraten. Besonders deutlich bezeugt sind sie bei nord- und ostgermanischen Verbänden sowie bei einigen westgermanischen Stämmen.

Tacitus beschreibt in seiner Germania die sogenannten barditus-Rufe, die vor dem Kampf angestimmt wurden. Diese Gesänge wurden häufig von rhythmischen Bewegungen begleitet, wobei die Krieger ihre Schilde vor den Mund hielten, um den Klang zu verstärken. Zwar handelt es sich nicht um einen Tanz im engeren Sinne, doch deutet die Verbindung von Gesang, Bewegung und kollektiver Synchronisierung auf eine tänzerische, performative Handlung hin. Tacitus lokalisiert diese Praxis nicht bei einem einzelnen Stamm, sondern stellt sie als weit verbreitetes germanisches Kriegsritual dar.

Für die Chatten, einen im heutigen Hessen und Thüringen siedelnden westgermanischen Stamm, berichten römische Autoren von besonders strengen Kriegerethiken und Initiationsriten. Auch wenn explizite Tanzbeschreibungen fehlen, legen die Berichte über ritualisierte Kriegspraktiken nahe, dass bewaffnete Bewegungsformen Teil der Vorbereitung auf den Kampf waren. Die Kombination aus Askese, ritueller Disziplin und kollektiver Aktion spricht für strukturierte, möglicherweise tänzerische Rituale.

Bei nordgermanischen Gruppen, insbesondere den frühen Vorfahren der späteren Skandinavier, sind Kriegstänze deutlicher fassbar, wenn auch meist indirekt über spätere Quellen. Archäologische Bilddarstellungen aus der Bronze- und frühen Eisenzeit Skandinaviens zeigen bewaffnete Figuren in scheinbar rhythmischen Bewegungen. Diese Darstellungen werden häufig als rituelle Tänze interpretiert, die mit Fruchtbarkeits- und Kriegskulten verbunden waren. Obwohl sie zeitlich teilweise vor 500 u. Z. liegen, deuten sie auf eine lange Tradition bewaffneter Tänze im nordgermanischen Raum hin.

Auch bei ostgermanischen Gruppen wie den Goten lassen sich Hinweise auf kriegerisch-rituelle Performanzen finden. Jordanes berichtet in seiner Getica von der starken Bedeutung kollektiver Traditionen und Gesänge für die Identität der Goten. Zwar beschreibt er keine Tänze im engeren Sinne, doch die Betonung gemeinsamer ritueller Praktiken im militärischen Kontext legt nahe, dass Bewegung, Gesang und Kriegsvorbereitung eng miteinander verbunden waren.

Funktion und Bedeutung der Kriegstänze

Kriegstänze erfüllten mehrere Funktionen zugleich. Sie dienten der psychologischen Vorbereitung auf den Kampf, der Steigerung von Mut und Aggression sowie der Einschüchterung des Gegners. Zugleich hatten sie eine religiöse Dimension: Durch rhythmische Bewegung und Gesang wurde der Kontakt zu den Göttern gesucht, insbesondere zu kriegerischen Gottheiten.

Darüber hinaus hatten Kriegstänze eine identitätsstiftende Funktion. Sie machten sichtbar, wer zur kämpfenden Gemeinschaft gehörte, und stärkten das Gefühl von Zusammengehörigkeit. In diesem Sinne waren sie nicht bloß Vorbereitungshandlungen, sondern zentrale Bestandteile der sozialen und religiösen Ordnung.

Poesie und mündliche Dichtung
Formen und Funktionen

Die germanische Poesie war primär mündlich. Dichter – später als Skalden oder Sänger bezeichnet – bewahrten und vermittelten kollektives Wissen. Heldengesänge, Genealogien und mythologische Erzählungen erfüllten eine zentrale Gedächtnisfunktion in schriftlosen Gesellschaften. Die formale Struktur der Dichtung, etwa durch Stabreim und feste Versmaße, erleichterte das Memorieren und Rezitieren.

Poesie war nicht bloß Unterhaltung, sondern ein soziales Machtinstrument. Wer die Vergangenheit erzählen konnte, bestimmte die Deutung von Herkunft, Ehre und Schuld. In Rechts- und Ritualkontexten hatte das gesprochene Wort performative Kraft: Es konnte binden, segnen oder verfluchen.

Weiser Barde

Religiöse Dimension

Viele poetische Texte waren eng mit dem Kult verbunden. Hymnische Anrufungen der Götter, Zaubersprüche und Beschwörungen verbanden Sprache mit Handlung. Der Klang der Worte, ihr Rhythmus und ihre Wiederholung galten als wirksam an sich. Sprache war nicht nur Beschreibung, sondern Handlung.

In diesem Zusammenhang ist die Nähe von Poesie zu Magie und Weissagung hervorzuheben. Dichterische Rede konnte als inspiriert gelten, als von göttlicher Kraft durchdrungen. Diese Vorstellung findet sich in späteren nordischen Überlieferungen wieder und lässt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auf ältere germanische Konzepte zurückführen.

Das Zusammenspiel von Tanz und Poesie
Performative Einheit

Tanz und Poesie traten häufig gemeinsam auf. Gesungene oder rhythmisch gesprochene Texte begleiteten Bewegungen, während der Tanz die Worte körperlich verankerte. Diese performative Einheit verstärkte die Wirkung beider Ausdrucksformen. Der Rhythmus des Tanzes strukturierte die Sprache, während die Poesie dem Tanz Sinn und narrative Tiefe verlieh.

Solche Kombinationen waren besonders in Ritualen wirksam, bei denen es um Gemeinschaftsbildung, Heilung oder göttliche Kommunikation ging. Die synästhetische Erfahrung aus Klang, Bewegung und sozialer Interaktion erzeugte eine intensive kollektive Wahrnehmung.

Erinnerung und Tradierung

Durch die Verbindung von Tanz und Poesie konnten Inhalte über Generationen hinweg tradiert werden. Körperliche Bewegungen fungierten als Gedächtnisstützen für sprachliche Inhalte. Diese enge Kopplung erleichterte die Weitergabe komplexer Mythen und sozialer Normen in einer weitgehend schriftlosen Kultur.

Wandel bis ca. 500 u. Z.

Mit der zunehmenden Christianisierung und dem intensiveren Kontakt zur römischen Welt veränderten sich die Ausdrucksformen germanischer Kultur. Tanz und Poesie verschwanden nicht, wurden jedoch umgedeutet oder in neue Kontexte integriert. Christliche Missionare bekämpften bestimmte rituelle Tänze, während andere Elemente in volkstümliche Bräuche übergingen.

Die mündliche Dichtung passte sich ebenfalls an. Alte Stoffe wurden neu interpretiert, und die Funktion der Poesie verschob sich teilweise von kultischer Praxis hin zu höfischer oder historiographischer Erzählung. Dennoch lassen sich bis weit ins Mittelalter hinein Spuren der vorchristlichen Verbindung von Tanz, Poesie und Ritual erkennen.
Explizite Beschreibungen von „Kriegstänzen“ im modernen Sinne fehlen in den antiken Quellen. Dennoch berichten römische Autoren wie Tacitus von rituellen, rhythmisch strukturierten Kampfgesängen und kollektiven Bewegungsformen, die in der Forschung als tänzerisch-performative Kriegshandlungen interpretiert werden. Ergänzt durch archäologische Bildzeugnisse und spätere nordgermanische Überlieferungen ergibt sich das Bild einer engen Verbindung von Gesang, Bewegung und kriegerischem Ritual bei verschiedenen germanischen Gruppen.

Schluss

Tanz und Poesie waren zentrale Bestandteile der germanischen Kultur bis etwa 500 u. Z. Als performative Künste verbanden sie Körper, Sprache und Gemeinschaft in rituellen und sozialen Kontexten. Trotz der schwierigen Quellenlage lässt sich ihre Bedeutung als Mittel der Kommunikation, der Erinnerung und der religiösen Erfahrung klar erkennen.

Die enge Verbindung von Tanz und Poesie verweist auf ein ganzheitliches Kulturverständnis, in dem Kunst, Religion und Gesellschaft untrennbar miteinander verwoben waren. Eine weitere interdisziplinäre Forschung, die archäologische, sprachwissenschaftliche und literarische Ansätze verbindet, verspricht, dieses Bild weiter zu schärfen und die Vielfalt frühgermanischer Ausdrucksformen besser zu verstehen.

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1. Antike Primärquellen (Übersetzungen & Editionen)

• Tacitus, Cornelius: Germania. Lateinisch / Deutsch.
Übers. und hg. von Rudolf Till. Stuttgart: Reclam, mehrfach aufgelegt.
• Tacitus, Cornelius: Germania. Lateinisch / Deutsch.
Übers. von Manfred Fuhrmann. Stuttgart: Reclam, 2010.

• Caesar, Gaius Iulius: De bello Gallico. Lateinisch / Deutsch.
Übers. von Otto Schönberger. Düsseldorf / Zürich: Artemis & Winkler, 2008.

• Jordanes: Getica – Über Ursprung und Taten der Goten.
Übers. von Lenelotte Möller. Wiesbaden: Marix, 2018.
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2. Archäologie & Ritual (Tanz, Performanz, Krieg)
• Hedeager, Lotte: Iron Age Myth and Materiality.
London / New York: Routledge, 2011.
• Kristiansen, Kristian / Larsson, Thomas B.: The Rise of Bronze Age Society.
Cambridge: Cambridge University Press, 2005.
• Price, Neil: The Viking Way: Religion and War in Late Iron Age Scandinavia.
Uppsala: Uppsala University Press, 2002.
(wichtig für rituelle Bewegung, Krieg, Trance – vorsichtig rückprojizierend)
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3. Germanische Religion, Ritual & Körperpraktiken
• Simek, Rudolf: Religion und Mythologie der Germanen.
Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2003.
• de Vries, Jan: Altgermanische Religionsgeschichte. 2 Bde.
Berlin: de Gruyter, 1956–1957.
• Mees, Bernard: Germanic Mythology.
Oxford: Oxford University Press, 2020.
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4. Poesie, Gesang & Mündlichkeit
• Lord, Albert B.: The Singer of Tales.
Cambridge, MA: Harvard University Press, 1960.
(grundlegend für mündliche Dichtung)
• Düwel, Klaus: Runenkunde.
Stuttgart: Metzler, 2008.
(zur Rolle von Sprache, Magie, Performanz)
• Gurevich, Aron J.: Historical Anthropology of the Middle Ages.
Cambridge: Polity Press, 1992.
(zu Körper, Ritual, Gemeinschaft)
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5. Speziell zu Tacitus & Kriegsgesang (barditus)
• Rives, J. B.: Tacitus: Germania.
Oxford: Oxford University Press, 1999.
(Kommentar mit ausführlicher Diskussion des barditus)
• Wolfram, Herwig: Die Germanen.
München: C.H. Beck, 2004.
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6. Methodik & Ethnographie
• Geertz, Clifford: The Interpretation of Cultures.
New York: Basic Books, 1973.
(Performanz, Ritual, Bedeutung)
• Turner, Victor: The Ritual Process.
Chicago: Aldine, 1969.
(Liminalität – sehr gut für Tanzrituale)