Es gibt kaum ein barbarischeres Klischee über die „Germanen“ als dieses: nackte, wildhaarige Gestalten, die im Nebel ihrer Moore Menschen an Götter verfüttern, während irgendwo ein Druide (falsches Volk, aber egal) mit blutverschmiertem Messer in den Himmel grölt. Wer hat uns dieses Bild verpasst? Natürlich: Tacitus, Julius Caesar und ihre schreibenden Kollegen. Also genau jene Herren, die ein handfestes Interesse daran hatten, ihre nördlichen Nachbarn als kultivierungsbedürftige Wildsäue darzustellen.
Die Frage lautet also: Haben die Germanen wirklich Menschen geopfert – oder war das römische Propaganda mit literarischem Kunstblut?
Spoiler: Es ist kompliziert. Und ja, es wurde
geopfert. Aber nicht nur d
Römer erzählen vom Blut
Tacitus schreibt in seiner Germania von heiligen Hainen, von Göttern, denen Menschen dargebracht würden, von Kriegsgefangenen, die an Bäumen aufgehängt oder in Sümpfen versenkt werden. Das liest sich herrlich schaurig – und erfüllt exakt die rhetorische Funktion, die man von einem römischen Senator erwartet: Abgrenzung.
Der Trick ist uralt. Man definiert sich selbst als zivilisiert, indem man dem anderen das Etikett „blutrünstig“ anklebt. Die Römer waren Meister darin. Sie machten es mit den Karthagern, mit den Galliern, mit den Christen – und eben mit den Germanen.
Aber: Tacitus war kein sensationsgeiler Klatschreporter. Er war ein ernsthafter Autor mit moralischer Agenda. Seine Germania ist weniger ethnografische Feldstudie als römische Selbstkritik in Tierfellen. Die Germanen erscheinen bei ihm zugleich roh und tugendhaft – keusch, tapfer, freiheitsliebend. Das passt schlecht zur bloßen Dämonisierung.
Also Vorsicht mit dem pauschalen „alles Propaganda“.
Archäologie im Moor – wenn der Boden spricht
Die eigentliche Unruhe beginnt dort, wo das Moor selbst Zeugnis ablegt. Die sogenannten Moorleichen – etwa der Tollund-Mann oder der Grauballe-Mann – sind keine literarischen Fantasien. Sie sind reale Körper, mit Strangulationsspuren, mit durchtrennten Kehlen, mit Spuren ritueller Behandlung.
Diese Funde stammen aus der Eisenzeit Nordeuropas, also aus einem kulturellen Raum, den man mit germanischen Stämmen verbindet. Einige der Toten wirken nicht wie heimlich entsorgte Mordopfer, sondern wie sorgfältig niedergelegte Opfergaben. Nackt, ohne Besitz, oft mit Zeichen bewusster Tötung – und dann im Moor versenkt. Das Moor war kein Müllplatz. Es war liminaler Raum: Grenze zwischen Welt und Jenseits.
Hier wird es unerquicklich für die Propaganda-These. Denn die Römer konnten diese Leichen schlecht nachträglich drapieren.
Die Kimbern – apokalyptische Priesterinnen
Ein besonders drastisches Beispiel liefern die Berichte über die Kimbern. Dieser Stamm zog im 2. Jahrhundert v. Chr. durch Europa und brachte Rom mehrfach in arge Bedrängnis, bis Gaius Marius sie schließlich besiegte.
Antike Autoren schildern, dass bei den Kimbern Priesterinnen in weißen Gewändern Kriegsgefangene über großen Kesseln opferten, ihnen die Kehlen durchschnitten und aus dem Blut Weissagungen ableiteten. Klingt wie eine Heavy-Metal-Platte auf Latein.
Ist das glaubwürdig? Nun: Die Kimbern waren für Rom eine existentielle Bedrohung. Nichts steigert die eigene Heldenerzählung so sehr wie ein monströser Gegner. Gleichzeitig ist rituelle Tötung von Gefangenen im Kontext vormoderner Kriegsgesellschaften keineswegs exotisch. Sie kommt global vor.
Man kann also nicht einfach sagen: „Alles erfunden.“ Aber man sollte sehr genau hinschauen, wer berichtet – und warum.
Wotan will Blut? Religionsvergleich hilft
Die germanische Religion war kein harmloses Naturmystik-Event. Sie kannte Opfer. Tiere wurden geschlachtet, Waffen in Seen versenkt, Beute zerstört, um Götter zu ehren. Der Gott Odin (Wodan) ist eine ambivalente Figur: Gott der Ekstase, des Krieges, des Wissens – und der Gehenkten.
Das Motiv des Hängens als Opferform taucht in nordischen Quellen wieder auf. Selbstopfer, Fremdopfer, symbolische Opfer – die Grenzen verschwimmen. Menschenopfer waren vermutlich seltene, besondere Akte, gebunden an Krisen, Krieg oder Herrschaftsrituale.
Waren sie alltäglich? Höchst unwahrscheinlich. Waren sie tabu? Offensichtlich nicht immer.
Und die Römer? Bitte keine Unschuldsmiene.
Bevor Rom den moralischen Zeigefinger hebt, lohnt sich ein Blick ins eigene Haus.
Ja, die Römer behaupteten, Menschenopfer abgeschafft zu haben. Offiziell war das seit der Republik verpönt. Aber ganz so reinlich war die Bilanz nicht. Es gab dokumentierte Fälle, in denen in Krisenzeiten Menschen lebendig begraben wurden – als Sühnopfer. Gladiatorenspiele? Ursprünglich funeräre Rituale mit tödlichem Ausgang. Öffentliche Tötung als religiös aufgeladene Massenunterhaltung.
Und wenn man schon dabei ist: Die Griechen kannten mythische Menschenopfer (Iphigenie lässt grüßen), die Karthager standen unter dem Vorwurf des Kinderopfers, und selbst im biblischen Kontext taucht die Idee des Menschenopfers auf – man denke an Isaak.
Kurz: Die Antike war kein Streichelzoo.
Propaganda funktioniert – aber nicht im luftleeren Raum
Römische Autoren hatten Gründe, die Germanen als blutig darzustellen. Es rechtfertigt Eroberung. Es stiftet Identität. Es beruhigt die eigene Zivilisationsnervosität.
Aber Propaganda funktioniert am besten, wenn sie an reale Praktiken andockt. Wenn es keinerlei Grundlage gegeben hätte, wären die Berichte wohl weniger hartnäckig gewesen. Archäologische Funde sprechen dafür, dass rituelle Tötungen in bestimmten Kontexten stattfanden.
Das bedeutet nicht, dass jeder germanische Stamm fröhlich Menschen metzelte. „Die Germanen“ waren kein homogener Block, sondern ein römischer Sammelbegriff für Dutzende Gruppen mit unterschiedlichen Bräuchen.
Der eigentliche Skandal
Vielleicht liegt der eigentliche Skandal nicht darin, dass Menschen geopfert wurden. Sondern darin, dass wir so tun, als sei das ausschließlich „barbarisch“.
Menschenopfer sind ein Extrem religiöser Logik: Wenn das Höchste geopfert werden muss, dann eben das Wertvollste. Diese Denkfigur ist kulturübergreifend. Von Mittelamerika bis zum Mittelmeer, von Skandinavien bis Indien – überall taucht sie auf.
Die Germanen waren darin weder einzigartig noch besonders kreativ. Sie waren Teil einer Welt, in der Gewalt sakralisiert werden konnte.
Fazit – Blut, Moor und Moral
Haben die Germanen Menschen geopfert? Ja, mit hoher Wahrscheinlichkeit in bestimmten rituellen Kontexten. Ist das Bild vom permanenten bluttriefenden Waldvolk zutreffend? Nein. War römische Propaganda im Spiel? Ganz sicher.
Aber der moralische Hochmut, mit dem Rom (und manchmal auch wir) auf „die Barbaren“ zeigt, ist selbst Teil der Geschichte.
Denn wer im Kolosseum zehntausende Menschen sterben sieht und dabei von Zivilisation spricht, sollte beim Wort „Barbar“ vorsichtig sein.
Vielleicht ist die entscheidende Erkenntnis nicht, ob geopfert wurde. Sondern dass jede Kultur ihre blinden Flecken hat – und ihre Geschichten, mit denen sie andere dunkler erscheinen lässt, als sie selbst je waren.
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1. Antike literarische Quellen – das Erbe der römischen Beobachter
Tacitus – Germania (ca. 98 n. Chr.)
Der wichtigste antike Text, der über religiöse Praktiken der germanischen Stämme berichtet, stammt von Tacitus. Er beschreibt u. a.
- den Nerthus-Kult mit mysteriösen rituellen Handlungen,
- dass „Feiglinge, Kriegsscheue und Unkeusche“ in Sümpfen versenkt oder an Bäumen aufgehängt würden (als Opfer bzw. Strafe).
Tacitus ist keine neutrale Ethnographie – er macht politische und moralische Aussagen, und seine Bilder dienen oft rhetorischen Zwecken.
2. Archäologische Evidenz – wenn der Boden spricht
Moorleichen (Bog Bodies)
In Nordwest-Europa wurden hunderte von Moorleichen entdeckt. Viele stammen aus der Eisenzeit bis spät in die römische Kaiserzeit (ca. 800 v. Chr. – 200 n. Chr.).
Bekannte Beispiele:
- Tollund-Mann (Dänemark)
– Körper datiert ca. 405–384 v. Chr.; Tod durch Strangulation bei lebendigem Leib; archäologisch als Opferdeposition interpretiert. - Grauballe-Mann (Dänemark)
– Körper datiert ins 3. Jh. v. Chr.; Hals durchtrennt; häufig als mögliches Menschenopfer gedeutet. - Osterby-Mann (Schleswig-Holstein)
– Kopf mit charakteristischer Suebischer Frisur; Todesverletzungen deuten auf rituelle oder gezielte Tötung hin.
Moderne Interpretation: Die ungewöhnliche Lage, gezielte Tötung, das Fehlen normaler Bestattungspraktiken (in dieser Zeit wurde sonst meist kremiert) und der rituelle Kontext mit Artefakten deuten darauf hin, dass ein Teil dieser Moorleichen nicht bloße Verbrechergräber, sondern kultische Opfer waren.
3. Archäologische Kultplätze mit Menschenopfer-Hinweisen
Opfermoor Vogtei (Thüringen)
Bei diesem Fundplatz wurden neben Tieropfern auch menschliche Knochen mit kultischen Kontexten entdeckt:
- Überreste von mindestens 40 Individuen,
- Verletzungsspuren weisen auf rituelle Tötung hin,
- Kombination aus Tieropfern, Kultfiguren und Menschenresten legt kultische Praxis nahe.
Dieser Fund gilt als eine der klarsten archäologischen Evidenzen für kultische Gewaltopfer im germanischen Raum.
4. Wissenschaftliche Einordnung / Sekundärliteratur
Moderne Forschungsliteratur
- René Schuster: Menschenopfer und rituelle Tötung bei den Germanen auf dem europäischen Festland – bietet eine wissenschaftliche Analyse des gesamten Themas und geht der Frage nach, wie Opfer im germanischen Kontext verstanden werden können.
5. Kontext: Menschenopfer als globales Phänomen
Wenn du den „Barbarismus“ relativieren willst, hilft ein Blick über den germanischen Tellerrand:
- Römer und Griechen: Auch
sie kannten in Krisenzeiten Menschenopfer (z. B. lebendige Beerdigungen,
rituelle Hinrichtungen, mythologische Opfergeschichten wie die von
Iphigenie).
→ Klassische Quellen wie Caesar (De Bello Gallico), Strabon (Geographica) oder auch griechische Mythen belegen, dass Kult und Opfer kein exklusives germanisches Phänomen waren.
Hier ist eine strukturierte Quellenliste:
Antike Texte
- Tacitus – Germania (c. 98 n. Chr.) – römische Beobachtungen germanischer Kultpraxis.
- Caesar – De Bello Gallico – (für Kontrast zu keltischen Opferriten). (eigene Recherche nötig)
Archäologische Funde
- Tollund Man – Iron-Age bog body aus Dänemark.
- Grauballe Man – spätkeltisch/germanischer Moorfund.
- Osterby Man – deutsch-germanische Moorleiche.
- Opfermoor Vogtei – archäologischer Kultplatz mit Menschenopfer-Hinweisen.
Moderne Forschung
- Schuster, René – Menschenopfer und rituelle Tötung bei den Germanen.
Kurz gesagt – was die Quellen wirklich sagen
✔ Tacitus liefert die klassische literarische Grundlage, aber mit
vorsichtigen Interpretationsentscheidungen.
✔ Archäologie zeigt reale Befunde, die ritualisierte Gewalt
nahelegen – aber nicht jede Moorleiche ist zwingend ein Opfer eines Kultes.
✔ Wissenschaftliche Literatur betont, dass Menschenopfer bei den
Germanen selten, aber nicht ausgeschlossen waren, und dass Kontext entscheidend
ist.
✔ Vergleich zu anderen Kulturen hilft, kulturelle Einzigartigkeit
und Universalität von Opferpraktiken zu diskutieren.