Schriftsystem, Bedeutungszeichen und politische Instrumentalisierung

1. Einleitung: Ein überfrachtetes Zeichensystem

Runen gehören zu den am stärksten überdeuteten kulturellen Hinterlassenschaften Europas. In der öffentlichen Wahrnehmung erscheinen sie zugleich als geheimnisvolle Zauberzeichen, als Ausdruck einer vermeintlich „ursprünglichen“ germanischen Spiritualität und als belastete Symbole nationalsozialistischer Ideologie. Diese Deutungen stehen jedoch in einem auffälligen Missverhältnis zur tatsächlichen historischen Überlieferung. Der vorliegende Aufsatz vertritt die These, dass Runen weder als magisches Schriftsystem noch als ideologisches Ursymbol zu verstehen sind, sondern als bewusst begrenztes Zeichensystem innerhalb einer überwiegend mündlichen Gesellschaft. Ihre spätere Mystifizierung – sowohl durch moderne Esoterik als auch durch den Nationalsozialismus – stellt eine ideologische Enteignung dar, die mit der historischen Funktion der Runen kaum vereinbar ist.

RUNA

2. Historischer Rahmen: Schriftkenntnis ohne Schriftkultur

Die frühesten runischen Inschriften lassen sich in das 2. Jahrhundert n. Chr. datieren. Sie entstehen in einem Umfeld intensiver Kontakte zwischen germanischen Gruppen und der römischen Welt. Germanische Krieger dienten im römischen Heer, Handelsbeziehungen verbanden den Mittelmeerraum mit Nordeuropa, und römische Sachkultur ist archäologisch weit im germanischen Raum nachweisbar. Griechen schätzten den Bernstein aus der Ostsee (Elektron genannt) und deshalb ist die Vorstellung, die Germanen hätten keine Kenntnis von Schrift gehabt, daher nicht haltbar.

Auffällig ist jedoch, dass sich trotz dieser Kontakte keine umfassende Schriftkultur entwickelte. Runen wurden verwendet, aber nicht systematisch. Dieser Befund verweist auf eine kulturelle Entscheidung gegen die extensive Nutzung von Schrift. Vergleichbare Strukturen finden sich bei den Kelten Galliens, deren religiöse Eliten nach antiken Berichten bewusst auf Verschriftlichung verzichteten. Mündlichkeit war kein Zeichen von Rückständigkeit, sondern ein zentrales Organisationsprinzip sozialer Ordnung. Nun muss man aber auch eines festhalten: Das damalige Weltwissen war begrenzt und Informationen als solche waren extrem kostbar! Wie wird geschmiedet, wie gebaut? Alles, was wichtig war, so erschien, oder als solches erscheinen sollte, war geheim. Das ist ein weites Feld.

GermanischeRunen

2.1. Zur Leistungsfähigkeit mündlicher Wissenskulturen in der germanischen Zeit

Aus moderner Perspektive erscheint es kaum vorstellbar, dass komplexes Wissen über Generationen hinweg ohne schriftliche Fixierung bewahrt werden konnte. Diese Skepsis beruht jedoch weniger auf historischen Fakten als auf einem an Schrift gebundenen Wissensverständnis. Für die germanische Zeit ist davon auszugehen, dass das menschliche Gedächtnis nicht nur „ausreichte“, sondern gezielt trainiert und kulturell organisiert war.

Mündliche Gesellschaften entwickelten hochgradig strukturierte Formen der Wissensspeicherung. Genealogien, Rechtsnormen, Mythen und historische Ereignisse wurden in gereimter, rhythmischer oder formelhafter Sprache überliefert. Solche Strukturen erleichtern das Memorieren erheblich. Vergleichbare Techniken sind aus epischen Traditionen wie der Ilias oder später aus der nordischen Skaldenkunst bekannt. Das Gedächtnis fungierte dabei nicht als passiver Speicher, sondern als aktiver sozialer Prozess, der durch regelmäßige Wiederholung stabilisiert wurde.

Zudem war Wissen in vormodernen Gesellschaften selektiv. Nicht die Masse an Information war entscheidend, sondern ihre soziale Relevanz. Nur das, was für Identität, Recht oder religiöse Praxis notwendig war, wurde bewahrt. Schriftliche Fixierung hätte diese Flexibilität eingeschränkt und Wissen seiner situativen Anpassungsfähigkeit beraubt.

Die Annahme eines kognitiven Defizits früher Gesellschaften ist daher unbegründet. Das Gehirn „reichte aus“, weil Wissen anders organisiert war. Mündlichkeit war keine Notlösung, sondern eine funktionale Alternative zur Schrift – angepasst an soziale Strukturen, Machtverhältnisse und kulturelle Bedürfnisse der Zeit. 

3. Mündlichkeit als kulturelle Strategie

In vormodernen Gesellschaften ist Mündlichkeit nicht lediglich ein technischer Zustand, sondern ein soziales System. Wissen existiert nicht unabhängig von Personen, sondern ist an Sprecher, Erinnerung und Performanz gebunden. Diese Struktur verleiht Autorität jenen, die sprechen dürfen, und ermöglicht flexible Anpassung von Überlieferung. Schrift hingegen fixiert Wissen, entzieht es der unmittelbaren Kontrolle und macht es reproduzierbar.

Vor diesem Hintergrund erscheint der begrenzte Einsatz von Runen nicht als Defizit, sondern als bewusste Einschränkung. Schrift war verfügbar, aber potenziell gefährlich für bestehende Machtverhältnisse. Ihre kontrollierte Nutzung ermöglichte symbolische Markierung, ohne Wissensbestände dauerhaft zu entpersonalisieren.

Schon das Wort Rune bedeutet Geheimnis und kommt von althochdeutsch run, im Sinne von Raunen, Flüstern, geheim Beraten. Sie wurden schriftlich in Teilen Schwedens bis in 20. Jh. gebraucht, man glaubt es kaum. Es gab schon einige geographische Unterschiede, aber das ist nicht das Thema.

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Bild oben: 9. Jh, Angelsächsische Runenreihe. Interessant, weil wir heute Laute des Altenglischen, die im lateinischen Alphabet keine Entsprechung hatten, als entsprechende Runen quasi weiterverwenden. Auf diese Weise gelangte die thorn-Rune (Þ þ) als Schreibung für /th/ in den Sprachgebrauch - heute noch, siehe Thing.

3.1. Mündlichkeit als Bildungsinstitution: Die Druiden

Die antiken Quellen bieten einen faszinierenden Einblick in die Organisationsformen mündlicher Wissenskulturen, die weit über zufällige Überlieferung hinausgehen. Besonders eindrucksvoll ist die Darstellung der Druiden bei Caesar. In "De bello Gallico", Buch VI, Kapitel 13–14, beschreibt Caesar das druidische Bildungssystem bei den Galliern, dass nämlich junge Männer über viele Jahre hinweg von diesen Priestergelehrten unterrichtet wurden, nicht durch das Schreiben, sondern durch das ständige Auswendiglernen. Zwei Jahrzehnte konnten vergehen, bis ein Schüler als vollständig ausgebildet galt. Dieses System war weder ineffizient noch primitiv: Es war darauf angelegt, das Gedächtnis zu trainieren, Wissen zu stabilisieren und gleichzeitig Kontrolle über den Zugang zu heiligem und rechtlichem Wissen zu sichern. Mit Absicht durfte nichts aufgeschrieben werden, sie wollten die ihnen bekannte griechische Schrift nicht nutzen.

Die Entscheidung, Lehren nicht zu verschriftlichen, erscheint auf den ersten Blick restriktiv, ist jedoch ein Zeichen funktionaler Weitsicht. Schriftlosigkeit verhinderte die Entpersonalisierung von Wissen und sicherte den Druiden ein exklusives Monopol über religiöse und soziale Normen. Gleichzeitig erforderte die mündliche Überlieferung ein hohes Maß an intellektueller Disziplin. Die Schüler lernten nicht nur Fakten, sondern komplexe Systeme von Vers, Rhythmus und Formel, die das Auswendiglernen erleichterten und die Integration des Wissens in das soziale und religiöse Leben garantierten.

Dieses Modell legt nahe, dass die Gedächtnisleistung der Menschen der Antike keineswegs ein limitierender Faktor war. Vielmehr wurde sie institutionalisiert und geschult. Die Germanen, die wie die Gallier in stark mündlichen Traditionen lebten, nutzten ähnliche Mechanismen. Wissen wurde nicht einfach gespeichert, sondern lebendig gehalten, durch Rezitation, Rituale und soziale Praxis. Wer heute erstaunt fragt, wie sich ganze genealogische, rechtliche und mythische Systeme ohne Schrift erhalten konnten, übersieht, dass Mündlichkeit in diesen Kulturen keineswegs ein Mangel, sondern eine leistungsfähige, bewusste Technologie war.

4. Runen als elitäres Zeichensystem

Die archäologische Überlieferung zeigt ein klares Muster: Runen finden sich fast ausschließlich auf Objekten mit sozialer oder symbolischer Bedeutung. Waffen, Schmuck, Amulette und Grabbeigaben dominieren den Befund. Die Inschriften sind kurz, häufig auf Namen oder formelhafte Zeichen beschränkt. Längere Texte fehlen vollständig.

Diese Einschränkung spricht gegen die Interpretation der Runen als Alltagsschrift. Vielmehr fungierten sie als elitäre Zeichen, deren Bedeutung sich aus Kontext, Objekt und sozialer Stellung ergab. Runen wurden nicht primär gelesen, sondern wahrgenommen. Ihre Funktion lag weniger in der Vermittlung von Information als in der Markierung von Bedeutung.

5. Die Illusion der „Zauberrunen“

Die Vorstellung eines systematischen runischen Magiesystems ist historisch nicht belegbar. Weder Inschriften noch zeitgenössische Quellen weisen auf eine konsistente magische Praxis mit Runen hin. Zwar berichten spätere altnordische Texte von Zaubern und Zeichen, doch entstehen diese Quellen erst Jahrhunderte nach der aktiven Nutzung des älteren Futharks und sind literarisch sowie christlich überformt.

Was sich hingegen plausibel rekonstruieren lässt, ist eine sakrale Aufladung von Schrift selbst. In einer überwiegend mündlichen Kultur besitzt das Einschneiden dauerhafter Zeichen eine besondere Autorität. Runen waren nicht magisch im modernen Sinne, sondern bedeutungsvoll, weil sie selten, exklusiv und sozial kontrolliert waren. Die moderne Esoterik projiziert rückwirkend ein geschlossenes System auf ein Zeichensystem, das gerade durch seine Fragmentarität gekennzeichnet war.

6. Wissen, Macht und Schriftverzicht

Ein zentraler Aspekt der Runennutzung ist ihre politische Dimension. Schrift fixiert Wissen und macht es unabhängig von individuellen Trägern. Mündlichkeit hingegen sichert Interpretationsmacht. Wer spricht, entscheidet über Bedeutung. Es ist daher plausibel, dass religiöse Spezialisten oder soziale Eliten kein Interesse an umfassender Verschriftlichung hatten.

Runen fungierten in diesem Modell nicht als Mittel der Wissensverbreitung, sondern als Grenzmarker. Sie signalisierten Bedeutung, ohne sie vollständig offenzulegen. Schrift wurde eingesetzt, um zu markieren, nicht um zu erklären. Diese Perspektive widerspricht romantischen Vorstellungen einer „natürlichen“ Schriftlosigkeit und verweist stattdessen auf eine bewusste Machtstrategie.

7. Nationalsozialistische Instrumentalisierung

Die tiefgreifendste Verzerrung der Runen erfolgte im 20. Jahrhundert durch den Nationalsozialismus. Runen und runenähnliche Zeichen wurden aus ihrem historischen Kontext gelöst und zur Konstruktion einer imaginierten „germanischen“ Vergangenheit missbraucht. Besonders die SS unter Heinrich Himmler verstand sich als ideologischer Orden und griff gezielt auf archaisch wirkende Symbolik zurück.

Die sogenannte SS-Sig-Rune wurde 1933 von Walter Heck entworfen und stellt keine historisch belegte Rune in dieser Form dar. Auch andere Zeichen wie die Tyr- oder Odal-Rune wurden vereinfacht und ideologisch umgedeutet. Hinzu kamen vollständig erfundene Symbole wie die Lebens- und Todesrune. Auffällig ist, dass diese Symbolik fast ausschließlich innerhalb der SS Verwendung fand. Runen waren kein allgemeines Symbol des Nationalsozialismus, sondern ein spezifisches Herrschaftszeichen seiner radikalsten Organisation.

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8. Das Hakenkreuz und die falsche Gleichsetzung

Häufig werden Runen mit dem Hakenkreuz gleichgesetzt. Diese Verbindung ist historisch falsch. Das Hakenkreuz ist keine Rune, besitzt keinen Lautwert und gehört zu keinem Runenalphabet. Es ist ein weltweit verbreitetes Symbol mit vielfältiger Bedeutungsgeschichte, das im 20. Jahrhundert politisch radikalisiert wurde.

Die Verbindung von Runen und Hakenkreuz ist eine ideologische Konstruktion des Nationalsozialismus. Sie dient der Mythenbildung, nicht der historischen Erklärung, und trägt bis heute zur Verwirrung im öffentlichen Diskurs bei. 

Kurze Einordnung zu den gezeigten Zeichen

  • SS-Sig-Rune (Doppel-Sig)
    Entwurf 1933 durch Walter Heck für die SS. Keine historische Rune in dieser Form; stark stilisierte Ableitung der Sowilo-Rune. Heute klar verboten als Kennzeichen einer verfassungswidrigen Organisation.
  • Tyr-Rune
    Historisch eine echte Rune (Lautwert t), von der SS u. a. für Offiziersschulen missbraucht. Nicht pauschal verboten, aber kontextabhängig strafbar.
  • Odal-Rune
    Historisch mit Besitz/Erbe assoziiert, im NS für „Blut-und-Boden“-Ideologie instrumentalisiert (z. B. SS-Division „Prinz Eugen“). Kontextabhängig problematisch.
  • Lebensrune / Todesrune
    Keine historischen Runen, sondern NS-Erfindungen auf Basis vereinfachter Pfeilformen. Verwendet in Propaganda und auf Grabzeichen. Juristisch abhängig vom Kontext.
  • Wolfsangel
    Ursprünglich kein Runenzeichen, sondern ein mittelalterliches Jagd-/Heraldiksymbol. Im NS und später in rechtsextremen Gruppen missbraucht. Kontextabhängig.

Wichtig (juristisch & historisch)

  • Verboten ist nicht „die Rune an sich“, sondern ihre Verwendung als NS-Kennzeichen oder Propaganda (§86a StGB).
  • Darstellung zu Forschung, Lehre, Aufklärung oder Kunst ist ausdrücklich erlaubt.
  • Historische Runen ≠ NS-Runen.
    Die meisten gezeigten Formen sind ideologische Konstruktionen, keine authentische Überlieferung. 

9. Nachwirkungen und Forschungsprobleme

Die nationalsozialistische Instrumentalisierung hat Runen dauerhaft belastet. In Deutschland sind bestimmte Zeichen, insbesondere das SS-Emblem, strafbar, wenn sie als Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen verwendet werden. Andere Runen sind nicht grundsätzlich verboten, können jedoch in extremistischen Kontexten problematisch sein.

Diese Belastung erschwert eine sachliche Auseinandersetzung erheblich. Runen werden entweder romantisiert oder tabuisiert. Beides verhindert Erkenntnis. Wissenschaftliche Runenforschung muss sich daher bewusst von ideologischen Projektionen abgrenzen und die Zeichen in ihrem historischen Kontext verorten.

10. Schluss: Entmystifizierung als Aufklärung

Runen waren weder Zauberwerkzeuge noch Ausdruck eines frühen Nationalismus. Sie waren Teil eines begrenzten, elitären Zeichensystems innerhalb einer bewusst mündlichen Kultur. Ihre Bedeutung lag nicht in Magie, sondern in sozialer Kontrolle, Performativität und Exklusivität.

Die moderne Esoterik romantisiert diese Zeichen, der Nationalsozialismus pervertierte sie. Beide Deutungen verfehlen ihren historischen Kern. Eine kritische Runenforschung muss daher entmystifizieren, um Geschichte vor ideologischer Vereinnahmung zu schützen. Gerade in dieser Nüchternheit liegt ihr aufklärerisches Potenzial.


Literatur- und Quellenverzeichnis (Auswahl)

Barnes, Michael P.: Runes: A Handbook. Woodbridge 2012.
Düwel, Klaus: Runenkunde. Stuttgart 2008.
Mees, Bernard: Runic Literacy in Germanic Society. Cambridge 2006.
Simek, Rudolf: Religion und Mythologie der Germanen. Darmstadt 2014.
Schjødt, Jens Peter: Initiation between Two Worlds. Odense 2008.
Goodrick-Clarke, Nicholas: The Occult Roots of Nazism. New York 1992.
Kater, Michael H.: Das „Ahnenerbe“ der SS 1935–1945. München 2006.
Caesar, Gaius Julius: De bello Gallico, Buch VI.