Einleitung: Die sanfte Gewalt der Frommen
Es gehört zu den großen Ironien der europäischen Geistesgeschichte, dass ausgerechnet jene, die den heidnischen Göttern den Tod brachten, heute als ihre Bewahrer gelten. Ohne christliche Schreiber, so heißt es beschwichtigend, wüssten wir nichts von Odin, Thor oder Ragnarök. Das ist richtig – und zugleich eine intellektuelle Falle. Denn diese Schreiber waren keine neutralen Archivare einer fremden Religion, sondern Sieger, Missionare, Epigonen einer neuen Wahrheit. Sie schrieben nicht *über* das Heidentum, sie schrieben *über es hinweg*.
Die nordische Mythologie, wie sie uns überliefert ist, ist daher kein authentisches Echo einer vorchristlichen Welt, sondern ein theologisch beaufsichtigtes Erinnerungsstück. Sie ist Heidentum unter Aufsicht. Wer sie liest, liest einen Mythos, der bereits gezähmt, eingehegt, moralisiert und in letzter Konsequenz entmachtet wurde.
I. Déjà-vu der Bekehrung: Die Kirche als Umdeutungsmaschine
Die christliche Umdeutung nordischer Mythologie ist kein Sonderfall, sondern ein spätes Kapitel einer langen eingeübten Praxis. Als die Mission im Norden im 9. Jahrhundert langsam einsetzte, verfügte die Kirche bereits über mehrere Jahrhunderte Erfahrung im Umgang mit konkurrierenden religiösen Systemen. Man musste das Heidentum nicht mehr erfinden – man wusste längst, wie man es entschärft.
Bereits in der Spätantike hatte das Christentum gelernt, wie man fremde Götter tötet, ohne ihre Namen auszulöschen. Griechische und römische Gottheiten wurden nicht einfach verboten, sondern allegorisiert, moralisiert, historisiert. Tempel wurden Kirchen, Feste wurden Feiertage, Götter wurden Dämonen, Heroen oder missverstandene Naturkräfte. Die Strategie war erfolgreich, gerade weil sie nicht primitiv war.
Als die Missionare schließlich Skandinavien erreichten, griffen sie auf ein erprobtes Instrumentarium zurück: Integration statt Auslöschung, Erklärung statt Widerlegung, Umdeutung statt offener Konfrontation. Die nordische Mythologie traf nicht auf naive Bekehrer, sondern auf eine Institution mit jahrhundertelanger hermeneutischer Kriegserfahrung. Im folgenden Kapitel liste ich auf, wie die Kirche sich die germanischen Feste zunutze machte, um das Jahr nach Gutdünken zu strukturieren und die alten Götter dem Vergessen preiszugeben.

Jahresübersicht germanischer Feste und ihre christliche Umdeutung
Januar: Yule / Julfest (Überbleibsel aus Wintersonnenwende, meist bis Anfang Januar);
Brauch: Feuerfeste, Ahnenverehrung, Opfer für Fruchtbarkeit und Schutz;
Christliche Umdeutung: Fortführung als Weihnachtsfeier, Neujahr, Dreikönigsfest (6. Januar)
Februar: Vetrnætr / Winterfeste (regionale Rituale in Nordskandinavien);
Brauch: Schutzrituale, Winteropfer, magische Praktiken für Überleben und Vieh;
Christliche Umdeutung: Heiligenfeste (z.B. St. Brigid), christliche Segnungen für Haus und Vieh
März: Frühlings-Äquinoktium / Ostara;
Brauch: Fruchtbarkeitsrituale, Eier- und Hasensymbolik, Pflanz- und Saatbräuche;
Christliche Umdeutung: Ostern; Eier, Fruchtbarkeitssymbolik und Bräuche teilweise integriert
April: April-Feste der Fruchtbarkeit / Frühjahrsrituale;
Brauch: Maskenumzüge, Feldsegnungen, Schutzrituale für Tiere und Pflanzen;
Christliche Umdeutung: Lokale Heiligenfeste, Prozessionen, agrarische Segnungen der Kirche
Mai: Walpurgisnacht (30. April – 1. Mai);
Brauch: Frühjahrs- und Fruchtbarkeitsfest, Tanz um Bäume, Hexenverehrung;
Christliche Umdeutung: Fest der Heiligen Walburga, kirchliche Segnung des Frühlings
Juni: Sommersonnenwende / Midsommer / Litha (ca. 21. Juni);
Brauch: Sonnwendfeuer, Schutz- und Fruchtbarkeitsrituale, Ahnenverehrung;
Christliche Umdeutung: Johannisnacht (24. Juni); Feuer und Bräuche werden in christlichen Kontext gesetzt
Juli: Sommerfeste / Opfer für Freyr und andere Fruchtbarkeitsgötter;
Brauch: Erntevorbereitung, Tieropfer, Schutz der Felder und Herden;
Christliche Umdeutung: Kirchweihfeste, Heiligenpatrone für Landwirtschaft
August: Harvest / Erntefeste;
Brauch: Dankopfer für Ernte, Feiern des Überflusses, Opfergaben an Götter;
Christliche Umdeutung: Erntedankfeste, Segnung der Früchte und Felder durch die Kirche
September: Wintervorbereitungsrituale / Herbstblot;
Brauch: Schutz der Familie und des Hofes vor dem Winter, Tieropfer, magische Rituale;
Christliche Umdeutung: Heiligenfeste, Segnungen, lokale kirchliche Jahrmärkte
Oktober: Samhain / Winternacht (31. Oktober – 1. November);
Brauch: Ahnenfest, Übergang Sommer/Winter, Totenverehrung, Geisterrituale;
Christliche Umdeutung: Allerheiligen (1. November), Allerseelen (2. November)
November: Herbst- und Totenfeste;
Brauch: Erinnerung an Verstorbene, Schutzrituale für die Familie, Feiern der Ahnen;
Christliche Umdeutung: Fortführung in Allerseelen, lokale Heiligenverehrung
Dezember: Alban Arthan / Wintersonnenwende (ca. 21. Dezember);
Brauch: Jahreskreis-Feier, Wiedergeburt der Sonne, Feuerfeste
Christliche Umdeutung: Weihnachten; Bräuche wie Tanne, Feuer und Masken rücken in christliche Symbolik.
Die Strategie der Kirche war Integration statt Verbot, Übernahme statt Auslöschung. Die äußerlichen Merkmale und Rituale wurden weitgehend beibehalten, wie Feuer, Eier, Masken, Festmahle – aber die Götterrolle verschwindet.
Das wiederkehrende Muster lautet: Wintersonnenwende → Weihnachten, Frühling → Ostern, Sommer → Johannisnacht, Herbst → Allerseelen/Erntedank.
II. Quellenhoheit als Herrschaftsinstrument
Dass die vorchristliche nordische Religion keine eigene Schrifttradition hinterließ, war ihr historisches Todesurteil. Mythen lebten mündlich, in Liedern, Ritualen, performativen Kontexten – genau jenen Formen also, die mit der Christianisierung systematisch zerstört wurden. Erst nachdem diese Kultur weitgehend verstummt war, griffen christliche Gelehrte zur Feder.
Die großen Texte – *Lieder-Edda*, *Prosa-Edda*, *Heimskringla* – entstehen erst im 12. und 13. Jahrhundert, lange nach der Taufe Skandinaviens. Ihre Autoren waren Produkte christlicher Bildung, geschult in lateinischer Historiographie, biblischer Typologie und scholastischem Denken. Sie sammelten Mythen wie ausgestorbene Tiere: mit Neugier, ja, aber auch mit der Selbstgewissheit desjenigen, der weiß, dass keine Gefahr mehr besteht.
Wer schreibt, bestimmt. Und wer als Einziger schreibt, herrscht rückwirkend über die Vergangenheit.

III. Euhemerismus: Die Entzauberung als Erzählstrategie
Die vielleicht eleganteste Form der Zerstörung ist die Erklärung. Snorri Sturluson beginnt seine *Prosa-Edda* nicht mit dem heidnischen Kosmos, sondern mit einer Geschichtsfälschung von beinahe komischer Dreistigkeit: Die Götter seien in Wahrheit aus Troja eingewanderte Helden gewesen, deren außergewöhnliche Fähigkeiten später missverstanden worden seien.
Was hier geschieht, ist kein antiquarisches Spiel, sondern ein theologischer Akt. Die Götter werden nicht bekämpft, sondern entwertet. Sie werden herabgestuft zu historischen Kuriositäten, zu Menschen mit PR-Problem. Der Mythos darf überleben – aber nur als Irrtum. An Überheblichkeit schwer zu toppen, denn auch der christliche Glaube ist ein - Glaube!
Der Euhemerismus ist die bevorzugte Waffe christlicher Intellektueller: scheinbar rational, scheinbar tolerant, tatsächlich jedoch radikal delegitimierend. Er erlaubt es, alles zu erzählen und nichts ernst zu nehmen.

IV. Ragnarök: Die Apokalypse im Wikingerkostüm
Kaum ein Motiv zeigt die christliche Überformung deutlicher als Ragnarök. Weltuntergang, moralischer Verfall, Endkampf, Feuer, Gericht, Erneuerung – die Parallelen zur christlichen Apokalypse sind so auffällig, dass man sie entweder sehen muss oder bewusst ignoriert.
Natürlich gab es im indoeuropäischen Raum Vorstellungen von zyklischer Zerstörung und kosmischem Kampf. Doch die überlieferte Dramaturgie des Ragnarök ist verdächtig linear, verdächtig final, verdächtig theologisch. Sie erzählt nicht von ewiger Wiederkehr, sondern von einem Ende mit Sinn.
Es ist kaum vorstellbar, dass ein solches Narrativ ohne christliche Deutungskategorien diese Form angenommen hätte. Wahrscheinlicher ist, dass ältere Mythenfragmente – Götterkampf, Weltbrand, Chaos – von christlichen Schreibern zu einer eschatologischen Gesamtkomposition montiert wurden, die dem eigenen Weltbild entsprach. Ragnarök wirkt weniger wie ein heidnischer Mythos als wie eine höflich maskierte Kapitulationserzählung: Selbst die Götter müssen sterben.
V. Moral als Fremdkörper
Polytheistische Götter sind selten moralisch angenehm. Sie sind widersprüchlich, grausam, launisch. Genau das macht sie religiös interessant. Die christliche Überlieferung jedoch hatte wenig Geduld mit Ambivalenz.
Loki wird zunehmend zum Teufel avant la lettre, Baldur zum unschuldigen Lichtwesen, dessen Tod an eine Passion erinnert, Odin zum tragischen, schuldgezeichneten Herrscher. Aus mythologischen Figuren werden moralische Lehrstücke. Das ist keine Überlieferung, das ist Umerziehung.
Die Mythen werden nicht gelöscht, sondern ethisch umgebaut. Was nicht in ein christliches Koordinatensystem passt, wird umgedeutet, zugespitzt oder entschärft. Polytheismus wird lesbar gemacht – und damit seiner Fremdheit beraubt.
VI. Keine Verschwörung, aber ein System
War diese Verzerrung systematisch? Nicht im Sinne eines geheimen Plans. Es gab kein Konzil zur Fälschung nordischer Mythen. Aber es gab ein System: ein epistemisches, theologisches, kulturelles System, das gar nicht anders *konnte*, als so zu schreiben.
Christliche Autoren wollten bewahren, ja – aber nur unter der Voraussetzung, dass das Bewahrte keine Wahrheit mehr beanspruchte. Heidentum durfte Literatur sein, Folklore, Stoff für Skalden und Gelehrte. Als Religion war es erledigt.
Die Gewalt liegt hier nicht im offenen Verbot, sondern in der Deutungshoheit. Die Mythen überlebten – aber kastriert.
Schluss: Der Mythos spricht – aber unter Zensur
Die nordische Mythologie ist kein Fenster in eine verlorene heidnische Welt, sondern ein palimpsestartiges Dokument christlicher Siegergeschichte. Unter der sichtbaren Schrift schimmern ältere Schichten, doch wir erreichen sie nie unvermittelt.
Die eigentliche Provokation besteht nicht darin, dass christliche Schreiber Mythen verzerrten, sondern dass wir ihnen bis heute dankbar dafür sein sollen. Vielleicht ist es an der Zeit, diesen Dank zu verweigern – und die Texte endlich als das zu lesen, was sie sind: brillante Literatur, ja, aber auch Zeugnisse einer geistigen Kolonisierung.
Der Mythos lebt. Doch er spricht mit fremder Stimme – und diese Stimme trägt ein Kreuz.
*Vielleicht ist das Beunruhigendste nicht, dass das Christentum die Mythen umdeutete, sondern dass wir diese Umdeutung bis heute für Überlieferung halten – und sie Bildung nennen.*
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Literaturhinweise
* Clunies Ross, Margaret. *Prolonged Echoes: Old Norse Myths in Medieval Northern Society*. Odense: University Press, 1994.
* Meulengracht Sørensen, Preben. *The Unmanipulated Past: Scandinavian Mythology and the Medieval Church*. Copenhagen: Museum Tusculanum Press, 1983.
* Schjødt, J.P. *Initiation and Christianity: Ritual Change in the Viking Age*. Odense: University Press, 2008.
* Lindow, John. *Norse Mythology: A Guide to Gods, Heroes, Rituals, and Beliefs*. Oxford: Oxford University Press, 2002.
* Simek, Rudolf. *Dictionary of Northern Mythology*. Cambridge: Boydell & Brewer, 2007.
* Düwel, Klaus. *Runeninschriften als Quelle für die Religion der Wikingerzeit*. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1983.