Einleitung: Zwischen Hörnern, Heldenmut und Rausch
Wenn heute von den Germanen die Rede ist, taucht fast automatisch ein bestimmtes Bild auf: Bärtige Krieger, die in dunklen Hallen aus Trinkhörnern Met in sich hineinschütten, während sie grölen, streiten und sich schließlich prügeln. Dieses Bild ist tief im kollektiven Gedächtnis verankert – genährt von antiken Autoren, romantischer Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts, moderner Popkultur und nicht zuletzt von Filmen, Serien und Computerspielen. Doch wie viel Wahrheit steckt tatsächlich hinter den sogenannten „legendären Saufgelagen“ der Germanen? Waren sie hemmungslose Trinkexzesse oder vielmehr komplexe soziale Rituale mit klaren Regeln und Bedeutungen?
Dieser kleine Aufsatz geht der Frage nach, wie die Trinkgelage der germanischen Stämme in der Antike und frühen Völkerwanderungszeit wirklich aussahen. Dabei werden archäologische Funde, schriftliche Quellen – vor allem römische Berichte – sowie moderne historische und kulturwissenschaftliche Interpretationen herangezogen. Ziel ist es, den Mythos vom bloßen Besäufnis kritisch zu hinterfragen und ein differenziertes Bild dieser zentralen Praxis germanischer Gesellschaften zu zeichnen.
Quellenlage und ihre Probleme
Die Germanen, das sage ich in jedem Aufsatz, muss es aber, selbst hinterließen kaum schriftliche Zeugnisse. Ihr Wissen, ihre Mythen und ihre sozialen Normen wurden mündlich weitergegeben. Das bedeutet, dass Historikerinnen und Historiker heute vor allem auf zwei Quellengruppen angewiesen sind: archäologische Funde und Berichte fremder Beobachter, insbesondere römischer Autoren wie Caesar oder Tacitus. Diese Quellen sind jedoch nicht unproblematisch. Römische Schriftsteller betrachteten die Germanen aus einer Außenperspektive und oft mit einer klaren politischen oder moralischen Agenda. Tacitus etwa nutzte die Germanen in seiner Schrift Germania teilweise als Gegenbild zur aus seiner Sicht dekadenten römischen Gesellschaft. Ausschweifendes Trinken konnte dabei entweder als barbarische Schwäche oder – paradoxerweise – als Ausdruck roher, unverfälschter Männlichkeit dargestellt werden. Archäologische Funde wiederum liefern zwar materielle Hinweise, erlauben aber nur begrenzte Aussagen über konkrete Abläufe und Bedeutungen. Trotz dieser Schwierigkeiten lassen sich aus der Kombination verschiedener Quellen relativ belastbare Rückschlüsse ziehen.
Was wurde getrunken? Bier, Met und importierter Wein
Entgegen moderner Vorstellungen tranken die Germanen keinen hochprozentigen Alkohol. Die wichtigsten Getränke waren Bier und Met. Bier wurde aus Getreide wie Gerste oder Dinkel gebraut und war meist trüb, nahrhaft und vergleichsweise alkoholarm. Met, ein vergorenes Getränk aus Honig und Wasser, galt als besonders wertvoll und war vermutlich eher besonderen Anlässen vorbehalten.
Wein war im germanischen Raum kein alltägliches Getränk, da der Weinbau nördlich der Alpen kaum verbreitet war. Dennoch zeigen archäologische Funde von Amphoren und römischen Trinkgefäßen, dass Wein importiert wurde. Tacitus berichtet sogar kritisch, dass der Kontakt mit den Römern den Germanen den Weingenuss nähergebracht und damit ihre angebliche Maßlosigkeit verstärkt habe. Ob diese Einschätzung zutrifft oder eher römische Moralvorstellungen widerspiegelt, ist umstritten. Fakt ist jedenfalls, dass Odin in Walhalla Wein trank!!! Man glaubt es kaum, es steht jedenfalls so im Gedicht Grímnismál, das in der Poetischen Edda überliefert ist und auch in der Prosa‑Edda (Snorri Sturlusons Werk), wo die Szene erklärt wird, heißt es ähnlich: Odin benötigt keine Nahrung mehr – Wein ist für ihn sowohl Speise als auch Getränk, und er überlässt alles andere seinen Wölfen Geri und Freki.
Wichtig für die menschliche Germanen ist: Alkohol erfüllte nicht nur eine berauschende Funktion, sondern war auch ein Lebensmittel, ein Handelsgut und ein Statussymbol.
Der Ort des Gelages: Halle, Hof und Gemeinschaft
Die berühmten Saufgelage fanden nicht wahllos statt, sondern meist in großen Gemeinschaftsräumen, die archäologisch als Hallen nachweisbar sind. Diese Gebäude dienten als Zentrum des sozialen und politischen Lebens. Hier wurden Gäste empfangen, Feste gefeiert, Bündnisse geschlossen und Konflikte ausgetragen.
Ein Gelage war ein öffentliches Ereignis. Der Hausherr oder Stammesführer stellte Speisen und Getränke zur Verfügung und demonstrierte damit seine Großzügigkeit und Macht. Je mehr er geben konnte, desto größer war sein Ansehen. Das gemeinsame Trinken schuf Bindungen, bestätigte Hierarchien und stärkte das Gemeinschaftsgefühl.
Archäologische Funde aus dem norddeutschen Raum, etwa aus der Hallenanlage von Borg in Dänemark, zeigen große Stein- und Holzstrukturen mit zentralen Feuerstellen und zahlreichen Trinkgefäßen. Diese Entdeckungen legen nahe, dass die Hallen nicht nur Wohn- und Versammlungsräume waren, sondern speziell für gemeinschaftliche Feste wie Trinkgelage konzipiert wurden.
Rituale und Regeln: Mehr als nur Trinken
Entgegen dem Klischee herrschten bei germanischen Trinkgelagen klare Regeln. Das Weiterreichen des Trinkgefäßes folgte oft einer festen Ordnung, die Rang und Alter widerspiegelte. Wer zuerst trinken durfte, genoss besonderes Prestige. Zudem hatten Gelage eine wichtige rechtliche und politische Funktion. Tacitus berichtet, dass die Germanen wichtige Entscheidungen – etwa über Krieg und Frieden – sowohl nüchtern als auch im Rausch diskutierten. Die Idee dahinter: Was im Rausch beschlossen und im nüchternen Zustand bestätigt wurde, galt als besonders ehrlich und durchdacht. Der Alkohol sollte Hemmungen abbauen und verborgene Meinungen offenlegen. Auch Schwüre, Bündnisse und Versöhnungen wurden häufig im Rahmen von Gelagen besiegelt. Das gemeinsame Trinken schuf Vertrauen – wer zusammen trank, gehörte zur Gemeinschaft.
Maßlosigkeit oder kontrollierter Exzess?
Antike Autoren betonten gerne die angebliche Maßlosigkeit der Germanen. Tatsächlich berichten sie von Trinkgelagen, die mehrere Tage dauern konnten. Archäologische Befunde, etwa große Mengen an Trinkgeschirr in Gräbern, scheinen diese Berichte zu stützen. Doch moderne Forschung interpretiert diese Exzesse differenzierter. Der Rausch war kein Selbstzweck, sondern Teil eines kontrollierten sozialen Rahmens. Wer sich völlig danebenbenahm, riskierte sein Ansehen und seine Ehre. Gewalt konnte zwar vorkommen, war aber nicht das eigentliche Ziel des Gelages. Der kontrollierte Kontrollverlust – also das zeitweise Aufheben alltäglicher Normen – erfüllte eine wichtige soziale Funktion. Spannungen konnten abgebaut, Konflikte offen angesprochen und Gemeinschaft neu gestiftet werden.
Mythen, Dichtung und spätere Überhöhungen
Viele unserer heutigen Vorstellungen stammen weniger aus der Antike als aus späteren Zeiten. Mittelalterliche Heldendichtungen, nordische Sagas und vor allem die romantische Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts überzeichneten die Trinkgelage zu heroischen Rauschorgien.
Im 20. und 21. Jahrhundert griff die Popkultur diese Bilder dankbar auf. Wikingerhörner, endlose Metgelage und grölende Krieger sind visuell eindrucksvoll, aber historisch stark vereinfacht. Die tatsächlichen germanischen Saufgelage waren weniger chaotisch, dafür sozial und kulturell umso bedeutsamer.
Was aber ist gesichert?
Archäologisch wurde in einem Fürstengrab bei Hochdorf (Baden‑Württemberg, Deutschland) ein großer bronzener Kessel mit Rückständen eines honighaltigen Getränks (also vermutlich Met oder eine Mischung) entdeckt – etwa 500 Liter, ein Hinweis darauf, dass Met in prunkvollen, elitären Kontexten konsumiert wurde. Funde von Trinkhörnern und Gefäßen mit Honig‑ und Getreideresten in germanischen oder frühmittelalterlichen Kontexten deuten auf den Konsum von Met und bierähnlichen Getränken bei Festen und Ritualen hin.
Rezept Met und Bier: Die Kunst des Trinkens
Es gibt kein originales schriftliches Rezept der Germanen, aber man kann aus archäologischen Funden, naturwissenschaftlichen Analysen (Rückstände), antiken Beschreibungen (v. a. Tacitus) und experimenteller Archäologie ziemlich sicher den damaligen Met nachbilden, so wie man, wenn auch schwer, den James Bond Drink, Wodka Martini (Vesper Martini) aus dem Jahre 1953, nachbilden kann. Das habe ich mal gemacht, und kann sagen, die Schwierigkeit besteht darin, dass damals Wodka und Gin hochprozentiger waren, als man heute kaufen kann.
Ein besonders faszinierender Aspekt der germanischen Trinkkultur ist die Herstellung von Met und Bier – Handwerk, das vor allem von Frauen innerhalb der Sippe ausgeübt wurde. Die Qualität des Getränks bestimmte oft den sozialen Status des Hausherrn und prägte das Gelage.

Met herstellen – Schritt für Schritt
Zutaten sammeln: Honig (Wild- oder Bienensammlung), Wasser aus klaren Quellen, optional Kräuter oder Früchte.
Mischen und erhitzen: Honig und Wasser in einem Kessel oder Topf langsam erwärmen, bis der Honig vollständig gelöst ist. Kräuter oder Früchte können jetzt hinzugefügt werden.
Gärung einleiten: Natürliche Hefen aus Früchten oder vorher gebrauten Getränken sorgen dafür, dass Zucker in Alkohol und Kohlendioxid umgewandelt wird.
Überwachung: Die Mischung wird regelmäßig überprüft – Schäumen, Geruch, Geschmack. Bei Bedarf Kräuter oder Früchte nachlegen.
Abschließend filtern und lagern: Nach der Gärung wird der Met abgeseiht, um Hefesatz und Kräuterreste zu entfernen, und kühl gelagert.
Archäologische Untersuchungen von bronzezeitlichen Gefäßen in Niedersachsen haben Honigrückstände gezeigt, die darauf hindeuten, dass Met schon vor der Germanenzeit eine wichtige Rolle in religiösen und sozialen Ritualen spielte.
Bier brauen – germanische Methode
Getreide vorbereiten: Gerste oder Dinkel werden geschrotet und in Wasser eingeweicht, um Stärke freizusetzen.
Maischen: Das Getreide wird in heißem Wasser eingeweicht, um Zucker für die Gärung zu extrahieren.
Kochen und Würzen: Bei Bedarf werden Kräuter hinzugefügt, um Geschmack und Haltbarkeit zu verbessern.
Gärung: Natürliche Hefen verwandeln den Zucker in Alkohol. Die Gärung kann mehrere Tage dauern.
Abfüllen und lagern: Das Bier wird abgeseiht und in Gefäßen aufbewahrt, bis es getrunken wird.
Eine historische Anekdote erzählt von einem germanischen Häuptling, dessen Bier als besonders schmackhaft galt – seine Frau wurde dafür gelobt, und andere Stämme kamen sogar, um das Geheimnis ihres Brauhandwerks zu erfragen.
Diese Praktiken zeigen, dass Trinkgelage nicht nur aus Konsum bestanden, sondern eng mit Handwerk, Wissen und sozialer Organisation verbunden waren. Met und Bier waren mehr als Getränke – sie waren Ausdruck von Gemeinschaft, Ehre und Kultur.

Fazit: Ein nüchterner Blick auf den Rausch
Die legendären Saufgelage der Germanen waren weder bloße Trinkexzesse noch primitive Ausschweifungen. Sie waren komplexe soziale Rituale, in denen Alkohol eine zentrale, aber nicht alleinige Rolle spielte. Getrunken wurde aus Gemeinschaft, zur politischen Entscheidungsfindung, zur Festigung von Macht und zur Pflege sozialer Beziehungen.
Der Rausch war eingebettet in Regeln, Rituale und Erwartungen. Wer nur das Bild des hemmungslosen Betrinkens sieht, verkennt die kulturelle Tiefe dieser Praxis. Die germanischen Trinkgelage waren Ausdruck einer Gesellschaft, in der Gemeinschaft, Ehre und persönliche Bindungen von zentraler Bedeutung waren – und in der das gemeinsame Trinken weit mehr war als bloßer Konsum.
So entpuppt sich der Mythos vom ewigen germanischen Saufgelage bei genauerem Hinsehen als ein vielschichtiges kulturelles Phänomen, das zwischen Maß und Maßlosigkeit, Ritual und Rausch angesiedelt war.
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Literatur
Antike Quellen
Tacitus: Germania, 98 n. Chr., Lateinischer Text und Übersetzungen: z. B. übersetzt von H. G. Koenigsberger, Reclam, Stuttgart 1992.
Caesar, Gaius Iulius: De Bello Gallico, Buch IV, Kapitel 1–10 (Beschreibung der germanischen Stämme), Übersetzung: Reclam, Stuttgart 2015.
Archäologische und naturwissenschaftliche Forschung
3. Hinz, M., & Müller, F.: Funde und Rituale: Alkoholische Getränke bei den Germanen, Archäologische Studien Band 32, Berlin 2010.
4. Koch, J.: „Met und Bier in frühmittelalterlichen Siedlungen: Archäologische Befunde aus Hochdorf und Niedersachsen“, Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters, 45 (2013), S. 55–78.
5. Sommer, R.: „Honig und Gärung: Naturwissenschaftliche Analysen germanischer Trinkgefäße“, Journal of Archaeological Science, 68 (2016), S. 102–118.
Sekundärliteratur / Moderne Forschung
6. Wells, P.: Germanic Societies and Alcoholic Rituals, Routledge, London 2014.
7. Jones, R.: Völkerwanderung und Festkultur: Trinkrituale der Germanen, Verlag Historica, München 2018.
8. Medieval Mead and Beer Research Blog: „Reconstructing Ancient Mead and Beer Practices“, online: https://medievalmeadandbeer.wordpress.com , abgerufen Januar 2026.
9. Davidson, H. R. E.: The Lost Beliefs of Northern Europe, Routledge, London 1993, Kapitel „Mead and Rituals“.