Einleitung
Die nordische Göttin Hel gehört zu den ambivalentesten und zugleich missverstandenen Figuren der altnordischen Mythologie. In populären Darstellungen erscheint sie häufig als dämonische, grausame Todesgöttin, als personifizierte Bedrohung oder gar als Entsprechung eines christlichen Teufels. Diese Sichtweise greift jedoch zu kurz und wird weder den literarischen Quellen noch der religiösen Vorstellungswelt der vorchristlichen Nordgermanen gerecht. Ziel dieses Aufsatzes ist es, Hel differenziert zu betrachten und der Frage nachzugehen, ob sie in der Rezeption – insbesondere im Vergleich mit Gestalten der griechischen Mythologie – unfair verkannt wurde.
Ein systematischer Vergleich mit der griechischen Unterweltsvorstellung, insbesondere mit Hades und Persephone, erlaubt es, strukturelle Unterschiede zwischen den mythologischen Systemen herauszuarbeiten. Dabei wird deutlich, dass negative Wertungen Hels weniger aus ihrem ursprünglichen mythologischen Kontext stammen, sondern vielmehr aus späteren kulturellen Überlagerungen.

Hel in der nordischen Mythologie
Hel ist eine Tochter des Gottes Loki und der Riesin Angrboda und gehört damit zu einer Geschwistertrias, die in den Quellen als besonders bedrohlich markiert wird: der Fenriswolf, die Midgardschlange Jörmungandr und Hel selbst. Nach der Gylfaginning der Snorra-Edda wird Hel von Odin in die Unterwelt verbannt und erhält dort die Herrschaft über Helheim, den Aufenthaltsort derjenigen Toten, die nicht im Kampf gefallen sind.
Bereits hier zeigt sich eine zentrale Besonderheit: Hel ist nicht die Herrscherin über alle Toten, sondern lediglich über einen bestimmten Teil der Verstorbenen. Während gefallene Krieger nach Walhall oder Fólkvangr gelangen, ist Helheim der Ort für Menschen, die an Alter, Krankheit oder Unglück sterben. Dies macht Hel nicht zu einer Gegnerin der Götter, sondern zu einer notwendigen Verwalterin kosmischer Ordnung.
Ikonographisch wird Hel als zweigeteilt beschrieben: halb lebendig und schön, halb tot und verwesend. Diese Darstellung ist weniger als moralische Wertung zu verstehen denn als Symbol der Schwelle zwischen Leben und Tod. Hel verkörpert den Übergangszustand, nicht das Böse an sich.
Funktion und Moralität
Im Gegensatz zu vielen modernen Interpretationen ist Hel keine aktive Verursacherin des Todes. Sie entscheidet nicht über Leben und Sterben, sondern übernimmt die Verantwortung für die Seelen nach dem Tod. Ihre Rolle ist administrativ und ordnend, nicht strafend oder belohnend. Helheim ist kein Ort der ewigen Qual, sondern ein nüchterner, oft düster beschriebener Aufenthaltsort, der jedoch kaum moralisch aufgeladen ist.
Diese moralische Neutralität spiegelt ein grundlegendes Merkmal der nordischen Mythologie wider: Das Universum ist nicht primär ethisch strukturiert, sondern schicksalhaft. Der Tod ist unausweichlich, und Hel ist Teil dieses unausweichlichen Gefüges.
Die griechische Unterwelt: Hades und Persephone
Ein Vergleich mit der griechischen Mythologie zeigt sowohl Parallelen als auch markante Unterschiede. Hades, der gleichnamige Gott der Unterwelt, ist wie Hel kein Dämon, sondern ein legitimer Olympier. Auch er herrscht über einen bestimmten Bereich des Kosmos und ist für die Aufnahme der Toten zuständig. Ähnlich wie Hel wird auch Hades selten als aktiv grausam dargestellt. Allerdings ist die griechische Unterwelt stärker moralisch differenziert. Orte wie der Elysische Hain oder der Tartaros weisen den Seelen je nach Lebensführung unterschiedliche Schicksale zu. Diese moralische Ordnung fehlt in der nordischen Unterwelt weitgehend. Persephone ergänzt Hades als zyklische Figur zwischen Ober- und Unterwelt. Sie verkörpert Erneuerung, Vegetationszyklen und die zeitweise Rückkehr des Lebens. Eine solche Figur existiert im nordischen Kontext nicht. Hel ist statisch; ihr Reich kennt keine Rückkehr.
Vergleich und kulturelle Unterschiede
Der entscheidende Unterschied zwischen Hel und den griechischen Unterweltsgottheiten liegt weniger in ihrer Funktion als in der kulturellen Bewertung des Todes. Die griechische Mythologie integriert den Tod in ein ethisch strukturiertes Jenseits, während die nordische Mythologie den Tod als endgültigen, nicht moralisierten Zustand begreift. Hel wird häufig negativer wahrgenommen als Hades, obwohl ihre Aufgaben vergleichbar sind. Diese Diskrepanz lässt sich unter anderem durch den Einfluss des Christentums erklären. Während Hades im kulturellen Gedächtnis der Antike als neutraler Gott erhalten blieb, wurde Hel im Zuge der Christianisierung mit der christlichen Hölle (hell) assoziiert. Sprachliche Nähe und inhaltliche Vereinfachung führten zu einer Dämonisierung, die den ursprünglichen Quellen widerspricht.
Moderne Rezeption und Fehlinterpretationen
In moderner Popkultur wird Hel häufig als Antagonistin inszeniert – als machthungrige, zerstörerische Todesgöttin. Diese Darstellung ist weniger mythologisch fundiert als dramaturgisch motiviert. Im Vergleich dazu wird Hades in zeitgenössischen Darstellungen zunehmend differenziert, teils sogar sympathisch gezeichnet.
Diese Ungleichbehandlung verstärkt den Eindruck, dass Hel unfair verkannt wurde. Während griechische Mythen oft als kulturelles Erbe mit philosophischer Tiefe wahrgenommen werden, wird nordische Mythologie nicht selten auf Brutalität und Dunkelheit reduziert.
Genealogie von Hades und Loki: Herkunft und mythologische Bedeutung
Ein genealogischer Vergleich zwischen Hades und Loki verdeutlicht grundlegende Unterschiede in der Struktur der griechischen und nordischen Mythologie. Abstammung ist in beiden Systemen nicht bloß biologisch zu verstehen, sondern bestimmt Status, Funktion und moralische Einordnung einer Gottheit.
Hades: Olympische Legitimität
Hades ist ein Sohn der Titanen Kronos und Rhea und gehört damit zur ersten Generation der olympischen Götter. Seine Geschwister sind Zeus, Poseidon, Hera, Demeter und Hestia. Nach dem Sturz des Kronos wird die Welt unter den drei Brüdern aufgeteilt: Zeus erhält den Himmel, Poseidon das Meer und Hades die Unterwelt. Diese Zuweisung erfolgt nicht als Strafe, sondern durch Losentscheid, was die grundsätzliche Gleichwertigkeit der Herrschaftsbereiche unterstreicht. Genealogisch ist Hades somit eindeutig legitimiert. Er ist kein Außenseiter, sondern Teil der göttlichen Ordnung. Seine Ehe mit Persephone – Tochter der Demeter – verbindet ihn zusätzlich mit dem olympischen Familiengefüge. Die Unterwelt ist folglich kein Ort des Chaos, sondern ein integraler Bestandteil der kosmischen Struktur.
Bild unten: Loki plus Mama seiner drei Kinder

Loki: Grenzgänger und Störfigur
Loki hingegen entzieht sich einer eindeutigen genealogischen Einordnung. In den Quellen wird er als Sohn des Riesen Farbauti und der Laufey (oder Nal) bezeichnet. Seine Herkunft aus dem Riesengeschlecht (Jötnar) markiert ihn von Beginn an als Grenzfigur zwischen Ordnung und Chaos. Zwar lebt Loki lange unter den Asen und schließt mit Odin ein Blutsbruderschaftsverhältnis, doch bleibt seine Zugehörigkeit stets prekär.
Besonders bedeutsam ist Lokis Nachkommenschaft mit der Riesin Angrboda. Aus dieser Verbindung gehen Hel, der Fenriswolf und die Midgardschlange hervor – Wesen, die in der Mythologie explizit als Bedrohung der göttlichen Ordnung auftreten. Anders als bei Hades wird genealogische Nähe hier nicht ordnend, sondern destabilisierend interpretiert.
Genealogie und Bewertung
Der Vergleich zeigt, dass Genealogie in der griechischen Mythologie stabilisierend wirkt: Hades’ Abstammung verleiht ihm Autorität und Normalität. In der nordischen Mythologie hingegen fungiert Abstammung als Marker von Ambivalenz. Loki ist weder klarer Gott noch reiner Riese, sondern eine liminale Figur, deren Nachkommen zentrale Rollen im Untergang der Welt (Ragnarök) spielen. Diese genealogischen Unterschiede erklären teilweise auch die unterschiedliche Rezeption vergleichbarer Unterweltsfiguren. Während Hades als notwendiger, legitimer Herrscher wahrgenommen wird, werden Hel und ihre Herkunft stärker problematisiert – nicht aufgrund ihrer Funktion, sondern aufgrund ihrer familiären Einbettung.
Fazit
Hel ist keine böse Göttin, sondern eine notwendige und funktionale Figur innerhalb der nordischen Kosmologie. Ihre negative Wahrnehmung resultiert weniger aus den ursprünglichen Mythen als aus späteren kulturellen und religiösen Überformungen. Im Vergleich mit der griechischen Mythologie zeigt sich, dass ähnliche Rollen dort deutlich positiver oder zumindest neutraler bewertet werden.
Die Frage, ob Hel unfair verkannt ist, lässt sich daher bejahen. Eine differenzierte Betrachtung macht deutlich, dass Hel nicht als Personifikation des Bösen, sondern als Hüterin der letzten Ordnung verstanden werden sollte – kühl, unerbittlich, aber nicht grausam.
Quellen- und Literaturverzeichnis (Auswahl)
Primärquellen
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Sekundärliteratur – Nordische Mythologie
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Vergleichende und rezeptionsgeschichtliche Literatur
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